FGM/C (Female Genital Mutilation/Cutting)

Inhaltsverzeichnis

Soziokultureller Hintergrund

  • Beschneidungen gibt es seit mehr als 2000 Jahren
  • In betroffenen Regionen pflegen Muslime, Katholiken, Protestanten, orthodoxe Kopten, Animisten und Atheisten den Brauch
  • Gründe für Beschneidungen:
    • Tradition, Initiationsritus
    • Reinheitsgebot/Hygienische Gründe
    • Bewahrung der Jungfräulichkeit, eheliche Treue
    • Voraussetzung für die Heiratsfähigkeit
    • Förderung der Fruchtbarkeit
    • Bewahrung der Familienehre
    • Steigerung der sexuellen Befriedigung des Mannes
    • Angst vor männlicher Inkompetenz verursacht durch die Klitoris
    • Angst vor überdimensionalem Wachstum Schamlippen/Klitoris
    • Angst vor Tod des Neugeborenen nach Kontakt mit Klitoris

Definition und Klassifikation der WHO

Weibliche Genitalbeschneidung beinhaltet Eingriffe die vorsätzlich, aus nicht-medizinischen Gründen die weiblichen Genitalorgane verändern oder verletzen

Es gibt keinen medizinischen Vorteil der Beschneidung

  • Typ I: Partielle oder totale Exzision der Klitoris und/oder der Vorhaut der Klitoris (Klitoridektomie)
    • Typ Ia: Entfernung der Klitorisvorhaut
    • Typ IIb: Entfernung der Klitoris und der Vorhaut
  • Typ II: Partielle oder totale Entfernung der Klitoris mit partieller oder totaler Amputation der Labia minora
    • Typ IIa: Nur Entfernung der Labia minora
    • Typ IIb: Partielle oder totale Klitoridektomie und Entfernung der Labia minora
  • Typ III: Infibulation oder Pharaonische Inzision, Entfernung der ganzen oder eines Teiles der äusseren Genitalien und Zunähen des Orificium Vaginae bis auf eine minimale Öffnung. Mit oder ohne Klitoridektomie
    • Typ IIIa: Entfernung und Vernähung der Labia minora
    • Typ IIIb: Entfernung und Vernähung der Labia majora
  • Typ IV: Diverse, nicht klassifizierte Praktiken

Pocketcard

Verbreitung

Ausserdem sind teilweise auch Frauen aus Teilen von Indonesien und Malaysia betroffen und weit weniger Frauen aus Indien, Pakistan, Sri Lanka, Arabische Emirate, Oman, Peru und Kolumbien. parts of Indonesia and Malaysia. Far smaller numbers have been recorded in India, Pakistan, Sri Lanka. Der Beschneidungstyp variiert von Land zu Land.

Die Beschneidung wird bis zum 15. Lebensjahr durchgeführt, meist vor dem 5. Lebensjahr, oft auch im Neugeborenenalter.

Rechtliches

Art. 124 Strafgesetzbuch StGB (SR 311.0)

1 Wer die Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, in ihrer natürlichen Funktion erheblich und dauerhaft beeinträchtigt oder sie in anderer Weise schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen bestraft.

2 Strafbar ist auch, wer die Tat im Ausland begeht, sich in der Schweiz befindet und nicht ausgeliefert wird.

§ 27 GesG

1 Bewilligungsinhaberinnen und -inhaber haben aussergewöhnliche Todesfälle umgehend der Strafverfolgungsbehörde zu melden.

2 Sie sind berechtigt, der Strafverfolgungsbehörde Wahrnehmungen zu melden, die auf ein Verbrechen oder Vergehen gegen Leib und Leben, die öffentliche Gesundheit oder die sexuelle Integrität schliessen lassen.

Art. 364 StGB

Ist an einem Minderjährigen eine strafbare Handlung begangen worden, so sind die an das Amts- oder das Berufsgeheimnis (Art. 320 und 321) gebundenen Personen berechtigt, dies in seinem Interesse der Kindesschutzbehörde zu melden.

Akute Komplikationen

  • Infektionen
    • Lokal
    • HIV/Tetanus
    • Septischer Schock
  • Urinretention
  • Dysurie
  • Verletzung benachbarter Organe
  • psychisches Trauma
  • Hämorrhagie

Chronische Komplikationen

  • Dyspareunie/Apareunie, Perinealrisse beim Koitus
  • Infertilität/Sterilität
  • Menorrhagie/Dysmenorrhoe
  • Hämatokolpos
  • Endometritis
  • Adnexitis
  • Rez HWI
  • Chronische Vaginitis
  • Inkontinenz/Fistelbildung
  • Abszesse/Kelloid/Dermoidzysten/Neurome
  • PTSD
  • Unter der Geburt:
    • Perinaelrisse/Perineale Wundinfektion
    • Katheterapplikation/Vaginalunteruchung erschwert
    • Verlängerung der Austreibungsphase
    • Postpartale Hämorrhagie
    • Diese Probleme können bei allen Formen von FGC auftreten

Generelle Regeln im Umgang mit Patientinnen, welche von FGC betroffen sein könnten

  • Ansprechen von FGC vor dem Untersuch, damit man nicht davon überrascht wird und ein erschrecktes Gesicht zeigt
    • "Sie kommen aus einem Land, wo viele Frauen von Beschneidung betroffen sind…"
    • "Haben sie schon mal mit einer medizinischen Fachperson darüber gesprochen?“

Beachte:

  • Nicht von Verstümmelung sprechen, Beschneidung wählen
  • Nicht jede Frau ist von Komplikationen betroffen
  • Es gibt Frauen, die wissen nicht, ob sie beschnitten sind und können sich nicht an die Beschneidung erinnern
  • Schematische Darstellung der Anatomie, anhand von Skizzen, keine Photos, evtl mit der Frau die Vulva mit dem Spiegel anschauen
  • Information über die FGC-Sprechstunde, egal, ob die Patientin mit einem FGC-assoziierten Problem kommt. (Die Patientin wird in der FGC-Sprechstunde von einer Frau untersucht)
  • In der Schwangerschaft möglichst Zuweisung vor 16. SSW, Defibulation planen um 20.-26. SSW
  • Infomaterial über Geburtsvorbereitungskurse für Migrantinnen
  • Abgabe von Infomaterial www.maedchenbeschneidung.ch
  • FGC in der Diagnoseliste notieren, falls bekannt auch den Typ nennen und beschreiben

Vorgehen in der FGC Sprechstunde

  • Sorgfältige Anamnese mit Multiplikatorin
    • Typ der Beschneidung
    • Alter zum Zeitpunkt der Beschneidung
    • Mögliche Komplikationen (Der Frau ist sich oft nicht bewusst, dass ihre Beschwerden mit der Beschneidung in Zusammenhang stehen)
    • Sexuelle Probleme
    • Einstellung der Patientin und ihres Ehemannes bezüglich FGC
  • Schematische Darstellung der Anatomie, anhand von Skizzen
  • Untersuchung mit Virgospek, Rektalschall
  • Deinfibulation ansprechen insbesondere bei Notwendigkeit derselben wie bei:
    • Unmöglichkeit von PAP-Abstrich
    • Curettage bei Fehlgeburt resp Interruptio
    • Schwierigkeiten beim Wasserlassen
    • Erschwerter Geschlechtsverkehr
    • Schwere Dysmenorrhoe
    • Rezidivierende Infektionen
    • Einschlusszysten
  • In der Schwangerschaft
    • Defibulation möglichst um 20.-26. SSW planen
    • Besprechen ob Episiotomie notwendig unter der Geburt bei stark vernarbter Vulva, (grundsätzlich gelten die selben Indikationen für Episiotomie unter der Geburt wie bei nicht beschnittenen Frauen)
    • Die Frau darüber informieren, dass bei einer Deinfibulation unter Geburt keine Reinfibulation vorgenommen wird
    • Hinweis auf Geburtsvorbereitungskurse für Migrantinnen
  • Wunsch nach Rekonstruktion der Klitoris
    • Eine multidisziplinäre Herangehensweise ist notwendig
        • Psychosexuelle Therapie
        • Gesundheitsbildung, Aufklärung über Anatomie und Funktion der Sexualorgane
        • Aufklärung über kulturelle Missverständnisse und Mythen bezüglich der Klitoris
        • Bei chronischem Schmerz ist eine Operation zur Entfernung von Neurinomen oder Narbengewebe evtl notwendig
  • Ausführliche Dokumentation des besprochenen Vorgehen im Digisono/Medfolio

Deinfibulation/Klitorisrekonstruktion

  • Anästhesie: Lokalanästhesie mit Emla zur Vorbereitungoder Kurznarkose
  • Anästhesieabklärung: Ambulante Anästhesiesprechstunde, OP-Risiko niedrig
  • Ambulanter Eingriff
  • Aufklärung: Allgemeiner Aufklärungsbogen SGGG in Vulvasprechstunde
  • Operationsmodus Deinfibulation:
    • Einführen einer Gefässklemme unterhalb der Inzisionszone
    • Eröffnung mit der Schere bis zur Darstellung der Urethra
    • (Bedecken der Klitoris mit Haut, damit diese nicht hypersensibel wird)
    • Wunde mittels Einzelknopfnaht (Verschluss Stich für Stich am Wundrand jeder Seite) oder mit überwendlicher Naht mit Vicryl Rapid 3-0 oder 4-0
    • Nachkontrolle in der FGC-Sprechstunde 5-7 Tage nach dem Eingriff
    • 2 Wochen nur Duschen, kein GV, keine Tampons


Abdulcadir visual learning tool defibulation (You Tube Video)

Eine Klitorisrekonstruktion muss individuell nach Befund und nach längerer Beratung geplant und durchgeführt werden, die ersten vier Punkte gelten auch für die Rekonstruktion.

Eintritt zur Geburt einer von FGC betroffenen Frau

  • Gibt es ein Protokoll aus der FGC-Sprechstunde?
    • Ja: Folge dem Protokoll
    • Nein: Ist die Frau infundibuliert?
      • Ja: Wenn möglich hinzuziehen von jemandem aus der FGC-Sprechstunde, falls nicht möglich, mit der Frau besprechen, dass unter der Geburt aufgeschnitten werden muss und dass sie auf keinen Fall wieder zugenäht wird.
      • Defibulation immer unter PDA oder Lokalanästhesie vornehmen
      • Evtl Defibulation im Falle einer sekundären Sectio
  • Dokumentation der Beschneidung im Geburtsbericht, dokumentieren was besprochen wurde siehe nächster Abschnitt

Geburtsnachsorge nach Defibulation unter der Geburt, resp wenn die Frau nie in der FGC-Sprechstunde war vor der Geburt im Wochenbett respektive 3-4 Wochen nach Geburt in der FGC-Sprechstunde (Termin organisieren)

  • Nochmals Ansprechen der veränderten Anatomie und Physiologie bei Defibulation unter der Geburt
  • Präventionsgespräch im Falle der Geburt eines Mädchens, Frage nach älteren Schwestern
  • Aufklärung über Rechtslage in der Schweiz
  • Hinweis auf maedchenbeschneidung.ch

Triage im Gyn-Ambulatorium durch Gyn MPA unabhängig von einer Schwangerschaft

  • Patientin in die FGC-Sprechstunde einplanen resp bei:
    • Kinder und Jugendgyn (Fabienne Strub, Carolin Dhakal, Sandra Shavit Kinderchirurgie) Mädchen bis 18 Jahre
    • Ines Vaz, Gesine Meili, Corina Christmann
    • Helene Esber
    • Ines Kaufmann
  • Dolmetscher organisieren
    • Frau Ahmed (Somali) 078 730 16 16, bahja_musse@hotmail.com
    • Frau Ghezu (Tigrinya) 076 401 33 27 ruth.ghezu@bluewin.ch

FGC@luks.ch

Einer der Arbeitsgruppe FGC wird die Mails lesen und an das GynAmbi weiterleiten

Führen einer internen Datenbank von Frauen, welche von FGC betroffen sind

Daten der Frauen (Initialen, Alter und Typ der Beschneidung) an FGC@LUKS.ch

Literatur

Abdulcadir J et al: A systematic review of the evidence on clitoral reconstruction after female genital mutilation/cutting. Int J Gynaecol Obstet. 2015 May;129(2):93-7

Abdulcadir J et al: Female Genital Mutilation: A Visual Reference and Learning Tool for Health Care Professionals. Obstet Gynecol. 2016 Nov;128(5):958-963.

WHO guidelines on the management of health complications from female genital mutilation

SGGG-Guidelines 2005 (In Überarbeitung) Patientinnen mit genitaler Beschneidung:

Schweizerische Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte, Hebammen und Pflegefachkräfte

RCOG Female Genital Mutilation and its Management Green-top Guideline No. 53, July 2015

Abdulcadir J et al: Posttraumatic Stress Disorder Relapse and Clitoral Reconstruction After Female Genital Mutilation. Obstet Gynecol. 2017 Feb;129(2):371-376

Abdulcadir J et al: Defibulation: A Visual Reference and Learning Tool. J Sex Med. 2018 Apr;15(4):601-611

Leye E et al: Health care in Europe for women with genital mutilation. Health Care Women Int.

2006 Apr;27(4):362-78.

WHO study group on female genital mutilation and obstetric outcome: Female genital mutilation and obstetric outcome: WHO collaborative prospective study in six African countries* Lancet 2006; 367: 1835-41

https://www.e-lfh.org.uk/programmes/female-genital...

Autor: GME, CDH, SFE
Autorisiert:GME
Version: September 2018
Gültig bis: 31.12.2019