Sexualdelikte: Untersuchung von Opfern sexueller Gewalt

Inhaltsverzeichnis

Zielsetzung und Aufgabenbereich

Unser Auftraggeber ist die Staatsanwaltschaft.
Ziel ist die Spurensicherung zur raschen Identifikation des Täters sowie die Gesundheit des Opfers. Die Untersuchung hat zeitnah, sorgfältig und einfühlsam zu erfolgen. Bei personellem Engpass muss der Hintergrunddienst gerufen werden, da die Untersuchung ca. 2 - 3 Stunden erfordert. Eine Person des Pflegedienstes ist zur effizienten Betreuung beizuziehen. Eine Polizistin sollte, im Einverständnis mit der Patientin, bei der Untersuchung zugegen sein. Die Fotodokumentation erfolgt idealerweise durch die Polizei, die Fotos werden dort aufbewahrt.

Patientin kommt in Begleitung der Polizei:

  • Untersuchung mittels Untersuchungskit der Rechtsmedizin ist obligat
  • Fotodokumentation mit Polizei (Fotodienst der Polizei)
  • Weibliche Polizistin bei Untersuchung zugegen (im Einverständnis der Patientin).

 Patientin erscheint alleine:

  • Anzeige empfehlen, (Kripo Luzern Tel. 041/248 81 17)
  • Untersuchung mit Untersuchungskit (Asservation für 6 Monate, Rechtsmedizin Zürich)
  • Opferberatung empfehlen: hilft bei Entscheidung, ob Anzeige erfolgen soll. Informationsblatt Opferberatung Luzern mitgeben (Schrank Ambulatorium Gynäkologie).
  • Anzeige abgelehnt: Untersuchung ebenfalls mit dem Untersuchungskit der Rechtsmedizin, falls das Opfer seine Entscheidung im Verlauf ändert (Asservation 6 Mt)
  • Anzeige gegen Willen des Opfers: Bei akuter, ernsthafter Gefährdung des Opfers oder seines Umfelds oder bei Verdacht auf Serientäterschaft.
  • sofern männlicher Untersucher: zwingend weibliche Assistentin/ MPA bei gesamter Konsultation hinzuziehen, in diesem Fall niemals alleine als Mann untersuchen
  • sofern eine Anzeige erfolgt ist, darf man eine Rechtsmedizinerin des Rechtsmedizinischen Instituts Zürich hinzuziehen. Dienstarzt Rechtsmedizin Zürich: 044 – 635 56 11

Bei Fragen: Rücksprache mit Polizei, Staatsanwaltschaft oder Amtsarzt

Zusammenfassung wichtige Telefonnummern

Dienstarzt Rechtsmedizin Zürich: 044 – 635 56 11
Kripo Luzern: 041 - 248 81 17

Hinweise auf Gefährdung der Gesundheit:

(Würgemale, Strangulation, Verletzungen ausserhalb des genitalen Bereichs): Rücksprache/Anwesenheit mit Polizei / Rechtsmedizin Zürich zur bestmöglichen Dokumentation anstreben.

Spezialfall:
Teenager 14 – 16 jährig

  • Wenn bereits sexuell erfahren, Untersuchung über NFKL, RDR informieren (e-mail mit Namen, Geburtsdatum). Ablauf PEP HIV, Hepatitis B: über Kinderspital. Meldung Kinderschutzgruppe über RDR.
  • Wenn Virgo: RDR, in Abwesenheit gyn. Kinderschutz informieren wegen Fotodokumentation

Mädchen < 14 Jahren: Immer über Kinderspital (Dienstarzt/ Dienstoberarzt) direkt dorthin zuweisen.Meldung Kindergyn über OA Kispi, Meldung Kinderschutz über OA Kispi.

Ablauf:

Anamnese

Gemäss Protokoll Rechtsmedizin vorgehen, unabhängig von polizeilicher Befragung Tathergang kurz schildern lassen und möglichst wortgetreu dokumentieren, auf die Stellen von möglichen Spuren am Körper achten. Keine Wertung abgeben.

Kleidung

Wird von Polizei asserviert, möglichst in Papiertüten (die von der Polizei mitgebracht werden).
Falls Polizei nicht anwesend, asservieren wir.

Untersuchung

Idealerweise zu zweit, da dies deutliche Zeitersparnis bedeutet

Achtung
Während der Untersuchung nicht sprechen/ Mundschutz verwenden (eigene DNA)

Die Untersuchung erfolgt mit dem Untersuchungskit der Rechtsmedizin Zürich gemäss Anleitung.
Als erstes durchlesen, Röhrchen usw. vorher beschriften, Hilfe durch MPA!

Ganzkörperliche Untersuchung
Es sollte immer eine Ganzkörperuntersuchung durchgeführt werden inklusive nicht einsehbarer Körperregionen (Haarboden, Mundhöhle, Bindehäute, Gehörgänge, Haut hinter den Ohren).

! Besonders zu beachten Seite 3 - Untersuchungsbogen
Gewalt gegen den Hals  à Hinweise hierfür sind: Petechiale Einblutungen Gesichtshaut und Augenbindehäute, Schleimhäute, eine ist ausreichend!!!). Dies wird als schwere Körperverletzung beurteilt, Information an Rechtsmedizin, in Rücksprache Untersuchung durch diese. Eine Fotodokumentation durch die Polizei sollte im Detail mit Massstab erfolgen. Veranlassung MRI Hals zum Ausschluss von Einblutungen in die Weichteile. (Empfehlung der Rechtsmedizin)

Bei Bissstellen
Rechtsmedizin Zürich informieren/anfordern.

Abstrichentnahmen Haut
An allen Stellen, die möglicherweise Kontakt mit Körpersekreten des Täters hatten, abnehmen: trockenen Stellen: Wattestäbchen anfeuchten (NaCl).

Schleimhäute: trockene Tupfer verwenden. Abstrich Wangenschleimhaut zur Erfassung der DNA des Opfers. Während der Untersuchung nicht sprechen/ Mundschutz/Haube verwenden

Auskämmen der Schamhaare
auf beigelegtem Papier stehend mit beigelegtem Kamm. Danach Papier zusammenfalten mit beiliegendem Kamm und beschriftet in Box geben.

Gynäkologische Untersuchung: Äusseres Genitale möglichst noch vor dem Wasserlösen zur Spurensicherung untersuchen
Zuerst Abstrichentnahme äusserlich, dann Reinigung zur Vermeidung einer Verschleppung (Spermien, Infektionserreger) in die Vagina.
Entnahme der Abstriche wie im rechtsmedizinischen Untersuchungskit vorgegeben.
Evtl. Kolposkopie des äusseren und inneren Genitales. Darstellung mit Toluoidin-Blau (kleine Verletzungen).
Fotodokumentation von Verletzungen. Diese bleiben in der Akte, Herausgabe auf Verlangen der Staatsanwaltschaft (Pat. informieren).

Genito-anale Abstrichentnahme

  • Vaginal: Allgemeine Bakteriologie
  • Zervikal: Chlamydien, Gonokokken (bei Penetration)
  • Nativ-Präparat direkt: Spermiennachweis, Trichomonaden
  • Nativ-Präparat trocken, fixiert: Spermiennachweis (Fixation wie bei PAP)
  • Rektal: zuerst äusserlich Reinigen mit NaCL (Verschleppen von Infektionskeimen)

Orale Abstriche bei versuchter oder stattgehabter oraler Penetration

  • Chlamydia trachomatis, Gonokokken PCR, tiefer Rachenabstrich

Urinkontolle

  • Urinprobe (an IRM Zürich)
  • Nachweis von Gammahydroxybutyrat (GHB) (K.O.-Tropfen) in Speziallabor LUKS
  • Schwangerschaftstest

Blutentnahme

Asservation zum Nachweis von Betäubungsmitteln, Medikamenten- und Alkohol.
Serologische Parameter bei uns im Labor: (Rechtliche Indikation)

HIV
HIV-Antikörper
Hepatitis B

  • HBsAg + anti-HBc
  • anti-HBs (Impfstatus)

Hepatitis C                            
Hepatitis C Antikörper
Lues                                                  
Gesamt Ig
Falls HIV-PEP        
Blutbild, Kreatinin, ALAT, Glucose

Haarasservation

Probe der Kopfbehaarung
von zwei innen liegenden Stellen möglichst hautnah zwei Strähnen abschneiden und in die dafür vorgesehene Alufolie einschlagen und beschriftet in Box legen.

Achtung Seite 4 – Dokumentationsbogen Beiblatt bei Verdacht auf Alkohol-/Drogen-/ Medikamenteneinfluss ausfüllen

Versand der Box
Alle Proben in der Box müssen mit Name und Geburtsdatum sowie Entnahmestelle angeschrieben sein. Eine Kopie des Berichtes beilegen, die versiegelte Box kühlstellen bis zum Versand. Zuständig für den Versand ist die Pflege.

Bericht
Das Original des Protokolls wird bei uns abgelegt, eine Kopie abgegeben. Der diktierte Bericht wird in der Akte abgelegt und ist auf Nachfrage des Gerichts auszuhändigen oder geht auch an den Hausarzt, wenn er der Patientin die Resultate der Serologien und Abstriche mitteilen soll (im Einverständnis mit der Patientin).

Prophylaktische Massnahmen

 

Notfall-Kontrazeption
Zu empfehlen, falls das Opfer keine Kontrazeption hat und ungeschützter vaginal penetrierender Geschlechtsverkehr stattgefunden hat.
bis 72h: Norlevo Uno (1,5mg Levonorgestrel)
bis 5d: Kupfer-IUD
bis 5d: ellaOne (Ulipristalacetat 30mg), ab 18 Jahre

Chlamydieninfektionsprophylaxe
Bei ungeschützter vaginaler, analer oder oraler Penetration sowie vor IUD-Einlage zu erwägen: Einmaldosis Zithromax 1g.

Postexpositionsprophylaxe (PEP) HIV und Hepatitis B
Vorgehen gemäss Flussdiagramm "Sexuelle Exposition" HIV bzw. Hepatitis B.

Aufgabe der Gynäkologie:

  • Anamneseerhebung bezüglich Risikofaktoren (siehe Flussdiagramm)
  • Abnahme Serologien
  • Aufklärung über Möglichkeit einer PEP
  • Indikationsstellung, Rücksprache mit Infektiologie möglich
  • Abgabe der HIV-Medikamente (Starterbox, es sind immer 2 Kits im Ambulatorium hinterlegt)
  • Abgabe Merkblätter PEP HIV und Hepatitis B, je nach Bedarf                   
  • Kurzbericht an HA für die Folgetermine, in Kopie an Infektiologie

Aufgabe der Infektiologie

  • Unterstützung bei Schwierigkeiten in der Indikationsstellung der HIV-PEP
  • Übernahme der Nachkontrollen in Ausnahmefälle (Regel: hausärztliche Praxis)

Therapieschema HIV PEP:  Starterpackung für 3 Tage (im Ambulatorium vorhanden)
Truvada 1x1 alle 24 h für 4 Wochen
Isentress 400mg 1Tbl. alle 12h für 4 Wochen

  • Nebenwirkungen(Nausea, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Diarrhoe) sind möglich, aber selten
  • Medikamentöse Interaktionen, auch mit Norlevo unwahrscheinlich

Hepatitis C
Keine Prophylaxe möglich. Hepatitis C Antikörper und ALAT bestimmen nach 3 und 6 Monaten auch aus rechtlicher Indikation.

Unfallmeldung

Mit der Patientin unbedingt das Blatt "Unfallmeldung mit Gewalteinwirkung/Verdacht auf sexuellle Gewalt" (liegt der Box bei) ausfüllen. Blatt an Patientenadministration schicken. (Unfallmeldung verhindert Fragen an Arbeitgeber bezüglich Unfall).

Abrechnung: IBICARE, Block sexuelle Gewalt. Zeitaufwand eingeben inkl. Zeitaufwand in Abwesenheit der Pat.

Autor: G. Hornke
Autorisation: A. Günthert
Version: 16.06.2015
Gültigkeit: 31.12.2018

Flussdiagramm Sexuelle Exposition.pdf

EBF MNF Extern Merkblatt HBV-PEP.pdf

EBF LU Extern Merkblatt HIV-PEP.pdf