Hymenrekonstruktion/Hymenorrhaphie

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen und Mythos Hymen

Das Hymen ist eine elastische Schleimhautfalte am Scheideneingang, welche physiologischerweise, wenn auch in unterschiedlichen Formen, geöffnet ist. Dem Hymen ist eine Jungfäulichkeit, im Sinne einer penil-vaginalen Penetrationsfreiheit, nicht anzusehen.

Der Wunsch nach Hymenalrekonstruktion wird von meist sehr jungen Frauen, die in einem westlichen Kontext aufgewachsen, aber einer traditionellen patriarchalen Familie (islamisch, christlich, jüdisch, freikirchlich) angehören, an Mediziner herangetragen. Betroffene befinden sich in einer psychosozialen Zwangslage, haben Identitäts- und Loyalitätskonflikte ihrer Familie gegenüber oder bangen gar um ihre soziale und leibliche Sicherheit (Ausstossung aus der Familie, Ehrenmorde). Oft sind sie isoliert mit ihren Sorgen.

Hymenalrekonstruktionen stellen westliche Gynäkologen oft vor einen Konflikt: Abwenden einer psychosozialen Notlage versus unnötiger medizinischer Eingriff. Sie werden aber auch in islamischen Ländern kontrovers diskutiert. Zusätzlich zu den Fragen, die wir uns in einem westlichen Kontext stellen, werden vor dem islamischen Hintergrund auch die Frage nach dem Betrug des zukünftigen Partners gestellt und die Handhabung bei "unschuldigen" Frauen und Mädchen (Vergewaltigung, Unfall, anatomisch angeboren weites Hymen) und ihrer möglichen Stigmatisierung und Benachteiligung thematisiert.

Die Hymenalrekonstruktion ist von einer Re-Infibulation, die wir ablehnen und rechtlich in einem Graubereich liegt, klar abzugrenzen! (Infibulationen sind in der Schweiz illegal!)

Die Indikation zur OP besteht in der psychisch-sozialen Notlage der Betroffenen. Eine medizinische Indikation zur Vernähung angefrischter Hymenalsaumläppchen ist nicht gegeben. Wir wollen aber Betroffene in ihrer Notlage nicht allein stehen lassen, sondern in dieser Situation respektvoller Ansprechpartner, Berater und eventuell auch Operateur sein.

Beratung

Prinzipielle mehrere Beratungstermine mit umfassender Beratung bzgl Freiheit zur Realisierung eigener Sexualität, rechtlichen Grundlagen, Autonomie, Verhütung, sexuell übertragbarer Krankheiten.

OP kann (als ultimo ratio!) als Lösungsansatz, nach Beratung, in Aussicht gestellt werden.

Prinzipiell Beratung durch potentielle Operateure (CCH, GME, IVA) in vertrauensvoller respektvoller diskreter Atmosphäre. Hinzuziehen von Kolleginnen aus Jugendgynäkologie (CDA, FST) erwünscht.

Aufklärung und Information über "Jungfräulichkeit" und ersten Geschlechtsverkehr und Demonstration Anatomie des Hymens essentiell! (Es blutet nicht immer beim ersten Geschlechtsverkehr, es muss nicht weh tun, es ist dem Hymen nicht anzusehen, etc.)

Quelle: Wikipedia.ch

Thematisieren der möglicherweise stark unterschiedlichen ethischen – kulturellen Vorstellungen des zukünftigen Paares, trotz ähnlichen familiären Backgrounds.

Thematisieren und Benennen der "Lüge", welche diese Beziehung erst möglich machen wird.

Versuch vertrauensvolle Bezugspersonen zu einem weiteren Gespräch miteinzuladen. Idealerweise der zukünftige Partner, Mutter, Tante, Schwester?

Alternativen ansprechen:

  • anderer Partner
  • offenes Gespräch mit Vertrauensperson in der Familie
  • offenes Gespräch mit Partner
  • vielleicht "jungfräulichkeit" im Beisein des Partners bestätigen?
  • andere Tricke anwenden (Leberchen, Eigenblut, künstliches blutendes Hymen (z.B. VirginiaCare (ca 40 Euro) Alle Tricks, inkl OP können auffliegen!

Blutung kann trotz OP nicht garantiert werden (dies ist auch die grösste Angst von Betroffenen nach der OP!!).

Mögliche Kosten (Selbstzahlen) und Diskretion bezgl Rechnung ansprechen (die Sache soll ja nicht wegen der Rechnung auffliegen!). Prinzipiell könnte an die Krankenkasse eine Kostengutsprache gestellt werden, da es sich nicht um einen ästhetischen Eingriff, sondern um eine sozio-kulturelle Notlage handelt. Inwieweit aber die Allgemeinheit zur indirekten finanzieller Unterstützung patriarchaler Weltbilder herhalten soll, wird kontrovers diskutieret.

Operation

Anästhesie: LA mit davor Emla oder idealerweise Kurznarkose, ambulanter Eingriff

OP-Datum: 3 – 6 Wochen vor Hochzeitsnacht

Aufklärung und Beratung durch Operateur (Blutung kann trotz OP nicht garantiert werden).

Anfrischen von zu vernähenden Hymenalsaumhäutchen, mit dem Ziel ein engeres, aber keinesfalls ein physiologisch ZU enges(!) Hymen anularis zu erhalten. Adapationsnähte mit je 3 EKN, innen, aussen und lumenwärts mit 4-0 Vicryl rapid.

Postop Kontrolle 10d p.o. beim Operateur und noch eventuell verbliebene Fäden entfernen.

Literatur

Lenzen M: Riskante Manipulation; Frankfurter Allgemeine; 5.6.2009

Wild V et al.: Zur Ethik eines tabuisierten Eingriffs; Deutsches Aerzteblatt; 106/8/20.2.2009

Betlange B: Hymen repair on the Arabic Internet; ISIM Review 2007;19:20-1

Bekker M et al.: Reconstructing Hymens of Constructing Sexual Inequality? Service Provision to Islamic Young Women Coping with the Demand to be a Virgin; JCommunity & Applied Social Psycology;6/5,Dec 1996

Schuster S: Hymen Restoration: "My" Discomfort, "Their" Culture, and Women's Missing Voice.;J Clin Ethics. 2015;26(2):162-5.

Wild V et al.:Hymen reconstruction as pragmatic empowerment? Results of a qualitative study from Tunisia.; Soc Sci Med. 2015 Dec;147:54-61

Autor: GME
Autorisiert: GME
Version: September 2018
Gültig bis: 31.12.2019